Wenn die Menschen leise werden, wird die Natur vernehmbar

Der Corona Lockdown lässt weltweit den Lärm der Zivilisation verstummen. Verkehrsrauschen, Flugzeuglärm, Industriegeräusche – all das kommt nahezu zum Erliegen und bringt die sonst oft übertönte Natur zum Klingen. Ein historischer Moment, der uns innehalten lässt. Neu denken, fühlen – hören!
Hunderte von Vogelarten stimmen jetzt im Frühling jeden Tag vor Sonnenaufgang ihr Morgenkonzert an. Dies ist der Moment, ihnen zuzuhören.
In der einzigartigen Situation dieses Frühling 2020 entstand die Idee dieses Citizen Science and Arts-Projekts, inspiriert durch die Arbeit des amerikanischen Musikers, Bioakustikers und Künstlers Bernie Krause, dem Vater des Soundscaping.

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Die Citizen Science and Arts-Plattform Dawn Chorus ist ein Projekt von BIOTOPIA (Naturkundemuseum Bayern) und der Stiftung Nantesbuch mit Sitz im bayerischen Voralpenland. Die Idee zu diesem Vorhaben entstand sehr kurzfristig angesichts des weltweiten Corona Lockdowns und des einmaligen Verstummens der menschlichen Zivilisation in diesem historischen Moment.
In sehr kurzer Frist fanden sich in dieser Situation Menschen zusammen, für die die Natur im Mittelpunkt ihres Schaffens steht – inspiriert von der Arbeit des „Vaters des Soundscaping“ Bernie Krause.
Innerhalb weniger Wochen entstand  diese neue Plattform in Zusammenarbeit vieler Kräfte aus Wissenschaft, Kultur und Digitalwelt.

Enormes Engagement

3.500 Vogelstimmen vom 1. bis 31. Mai 2020

Vom 1. bis 31. Mai 2020 fand die erste große Erhebung von Vogelstimmen des DAWN CHORUS statt. Über 3.500 Aufnahmen aus aller Welt wurden erfasst und in der globalen Soundmap kartiert. Sie gehen ein in eine wissenschaftliche Datenbank zur Biodiversitätsforschung. Diese konzentrierte Sammlung im Frühjahr soll ab jetzt jedes Jahr im Mai stattfinden und dadurch wichtige Vergleichsdaten liefern.

 

Macht weiter mit!

Auch nach der wissenschaftlichen Erhebung sammelt DAWN CHORUS weiter.

Vor Sonnenaufgang singen viele Vogelarten am lautesten: Auf der Wiese, im Wald, aber auch mitten in der Stadt, im Garten, auf dem Balkon, vor dem Fenster – überall. Jeder, der hören kann, kann das erleben: Erwachsene und Kinder, Gesunde und Kranke, Menschen auf der ganzen Welt, Wissenschaftler, Laien oder Künstler.
Steht früh auf, geht ans Fenster oder nach draußen und hört den Vögeln zu. Nehmt die Stimmen mit Eurem Handy auf. Ladet die Aufnahmen auf dieser Seite hoch und teilt Euer Erlebnis mit Menschen auf der ganzen Welt, indem Ihr es auf unsere Soundmap ladet.

Alle Beiträge fließen ein in die künstlerischen Aktivitäten rund um den DAWN CHORUS die der wissenschaftlichen Auswertung folgen. Visuelle Darstellungen der Soundscapes, Vertonungen, Arbeiten der Bildenden Kunst – Künstler aller Disziplinen arbeiten daran, die Naturerfahrung rund um die Vogelstimmen um zusätzliche Dimensionen zu erweitern.

 

DAWN CHORUS ist eine einzigartige Verschmelzung von Wissenschaft und Kunst

“In diesem einzigartigen Moment der menschlichen Stille sind die neu vernehmbaren Stimmen der Natur ein Weckruf zum Schutz unserer biologischen Vielfalt”.

Prof. Dr. Michael John Gorman, Founding Director, BIOTOPIA

 

Das Projekt Dawn Chorus aus wissenschaftlicher Sicht

Dawn Chorus, der „Chor des Sonnenaufgangs“, oder das morgendliche Vogelkonzert, ist für ganz unterschiedliche Menschen faszinierend: Naturliebhaber, Künstler, Träumer, aber eben auch für die Wissenschaft.

Man weiß heute, dass der Gesang der Vögel besonders zur Paarungszeit wichtige Funktionen erfüllt, zum Beispiel um Weibchen anzulocken, oder um Territorien gegen Rivalen abzustecken. Für Vogelforscher ist der frühe Morgen sehr interessant, denn zu dieser Tageszeit sind Vögel ganz besonders aktiv. Zwar singen sie auch zu anderen Tageszeiten, jedoch kaum so intensiv wie frühmorgens. Interessanterweise beginnt jede Vogelart dabei immer zu einer bestimmten Zeit vor Sonnenaufgang zu singen (https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/vogelkunde/voegel-bestimmen/20663.html). Somit verändert sich der Klang des Konzerts nicht nur im Verlauf eines jeden Morgens, wenn der Gesang verschiedener Vögel einsetzt. Auch klingen Vogelkonzerte in unterschiedlichen Gebieten anders, da andere Vogelarten vorkommen und mitsingen, so wie es auch anders klingt, wenn zarte Flöten oder elektrische Gitarren in einem Musikkonzert den Ton angeben. Aber nicht nur Ort und Zeit, auch andere Faktoren wie Wetterbedingungen (z.B. Sturm) oder menschliche Geräuschquellen (z.B. Fluglärm) können den Gesang der Vögel beeinflussen. Ein Vogelkonzert am Fuße des Himalaya klingt also ganz anders als eines auf dem Mittleren Ring in München (siehe noise maps, z.B.: http://noise.eea.europa.eu/) – und dieses wiederum klingt an einem normalen geschäftigen Dienstagmorgen anders als an einem verregneten Sonntag, wenn die meisten Menschen ausschlafen.

Diese spannende flexible Anpassungsfähigkeit wollen wir besser verstehen und deshalb einmal ganz genau zuhören! Ganz besonders in diesem Jahr, in dem das öffentliche Leben stark eingeschränkt ist und somit viele menschgemachte Geräusche zeitweise verstummt sind und dem Vogelkonzert die Bühne überlassen.

Soundscapes (zusammengesetzt aus dem Englischen sound = Klang und landscape = Landschaft), also Klang(land)schaften, können allein durch ihren Klang viele Eigenschaften von Lebensräumen widerspiegeln. Um es mit Bernie Krauses (www.biotopia.net/de/events/vergangene-events/37-berniekrause-2?date=2020-04-22-17-00) Worten zu sagen: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – aber eine Klanglandschaft sagt so viel wie tausend Bilder“ (*www.researchgate.net/profile/
Bernie_Krause/publication/257943543_The_Sound_of_a_Damaged_Habitat/links/00b7d5266932cf3dad000000.pdf
).

Manchmal verändern sich Klanglandschaften ganz plötzlich und offensichtlich. Eine schmerzliche Erfahrung, die Bernie in Kalifornien machen musste, nachdem er Tonaufnahmen vor und nach der Rodung eines Waldes gemacht hatte: trotz Wiederaufforstung war der Großteil der Vögel noch Jahre später verstummt*. Jedoch treten manche Veränderungen auch schleichend zutage, zum Beispiel durch den immer stärker werdenden Straßenverkehrslärm.

Tonaufnahmen bzw. Klanglandschaften können Wissenschaftlern also helfen, über längere Zeit Veränderungen in der Artenzusammensetzung wahrzunehmen (und damit zu erkennen, wo Arten verschwinden und wo die Artenvielfalt zurückgeht), oder auch den Einfluss von menschgemachtem Lärm auf das Gesangsverhalten von Vögeln zu erforschen. Beides ist hier unser wissenschaftliches Ziel.

Das wissenschaftliche Ziel von Dawn Chorus ist es, über mehrere Jahre hinweg, das morgendlichen Vogelkonzert an verschiedenen Orten zu dokumentieren. Anhand dieser Daten können wir die vorhandenen, singenden Arten nachweisen und ihr Vorkommen über Jahre hinweg verfolgen. So können wir erforschen, wo Arten in verschiedenen Lebensräumen (inkl. der Stadt) zurückgehen oder verschwinden, sowie Rückschlüsse über die Ursachen dafür gewinnen. Desweiteren können wir feststellen, welche oder wieviele menschliche Einflüsse vorliegen, z.B. Verkehrslärm, und wie sich diese auf das Gesangsverhalten der Vögel auswirken.

Citizen science (Bürgerwissenschaft) basiert auf der Mithilfe von Freiwilligen z.B. während der Datenaufnahme oder -analyse eines wissenschaftlichen Projektes. So können viel mehr Daten aufgenommen werden als Wissenschaftler es jemals alleine schaffen könnten. Selbst wenn die gesammelten Daten nicht immer von professioneller Qualität sind, können sie trotzdem spannende und wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse liefern – und sie sollen den Mitmachenden neues Wissen vermitteln und zum Nachdenken anregen.

Für das Projekt Dawn Chorus bedeutet citizen science, dass an vielen verschiedenen Orten gleichzeitig Tonaufnahmen des Vogelkonzerts aufgenommen werden. Diese Daten werden ergänzt mit Informationen zu Ort, Datum und Uhrzeit der Aufnahme, sowie der Beantwortung ein paar weniger, einfacher Fragen zu Wetter und menschgemachten Lärm. Anhand der Daten können Wissenschaftler den Ist-Zustand der Klanglandschaften dokumentieren, ihn mit dem der kommenden Jahre vergleichen und dadurch wichtige Informationen über menschliche Einflüsse auf die Biodiversität, also die Artenvielfalt erforschen.

Vielen Menschen ist der Rückgang und die Bedrohung der Artenvielfalt der Vögel vor der eigenen Haustür zwar durch die Presse bekannt aber nicht wirklich als persönliche Erfahrung bewusst. Das Vogelkonzert ist nicht nur ein wunderbares Naturschauspiel, sondern wie oben erwähnt ein wertvoller Indikator für den Artenreichtum des jeweiligen Gebietes, den wir mit Ihnen als Mitmachenden zusammen erfahrbar machen möchten. Somit laden wir Sie herzlich ein, dieses Naturschauspiel zu erleben und sich damit ganz bewusst auseinanderzusetzen – und dies in diesem Jahr 2020, während der herausfordernden Zeit des Lockdowns, also einer besonderen Zeit, in der menschliche Aktivitäten und folglich auch menschgemachte Geräusche stark zurückgedrängt sind.

Wie erläutert, klingt das Vogelkonzert an verschiedenen Orten und zu verschiedenen (Uhr)Zeiten anders. Um den menschlichen Einfluss, z.B. Lärm, zu erforschen, müssen also andere Faktoren wie Uhrzeit oder Wetter berücksichtigt werden, da diese auch das Vogelkonzert beeinflussen.

Deshalb benötigen wir möglichst viele, möglichst unter den gleichen Bedingungen gewonnene Tonaufnahmen von vielen verschiedenen Orten. Idealerweise nimmt man im Verlauf eines Morgens mehrfach (z.B. vor, während und nach Sonnenaufgang), oder über mehrere Tage verteilt (z.B. an einem Wochentag und einem Feiertag), etwa zur gleichen Uhrzeit, auf. Eine Anleitung zum Erstellen der Aufnahmen finden Sie hier (https://dawn-chorus.org/de).

Aus diesen Daten können wir im Idealfall die vorkommenden singenden Vogelarten und die Uhrzeit (Zeit vor Sonnenaufgang) des Gesangs feststellen. Dies wird dann ergänzt mit Daten über Ort, Zeit, aktuelles Wetter, genaue Temperatur (falls vorhanden), Lebensraumtyp, sowie der gefühlten Lärmbelastung.

Die Citizen Science Plattform DAWN CHORUS ist ein Projekt von BIOTOPIA (neues Naturkundemuseum Bayern) un der Stiftung Nantesbuch. Wissenschaftliche Unterstützung leistet das Institut für Ornithologie des Max Planck Institut in Seewiesen, Deutschland.

Vögel als singende Botschafter für die Artenvielfalt

Die Welt der Vögel sticht aus den Klanglandschaften hervor und eignet sich deshalb besonders für die Bio-Akustische Forschung und das Soundscaping. Gleichzeitig sind Vögel wichtige Biodiversitätsindikatoren. Keine andere Tiergruppe wird global so stark erforscht und so genau den „Gesundheitszustand“ eines Habitats, also den Zustand auch der anderen in einem Ökosystem vorkommenden Arten, wie die Vögel.
Die Erde befindet sich in einer Biodiversitätskrise gewaltigen Ausmaßes. Wissenschaftler bezeichnen sie als das 6. Massenaussterbe-Ereignis der Erdgeschichte. Durch den Menschen verursacht sterben jedes Jahr 100-1000x mehr Arten aus als unter natürlichen Bedingungen. Die Landwirbeltierbestände, also Vogelbestände eingeschlossen, sind seit 1970 um 60% zurückgegangen.
Die Vögel sind davon besonders betroffen 13% der ca. 11.000 bekannten Vogelarten weltweit sind vom Aussterben bedroht und die Bestände gehen gerade in Deutschland und Europa so massiv zurück, dass man von einem alarmierenden Vogelschwund spricht.
Im Morgenkonzert, so schön es auch klingen mag, spiegelt sich dies wider. Und genau diese Entwicklungen will das Dawn Chorus Projekt untersuchen, dokumentieren und für den Artenschutz nutzbar machen.

Soundscaping – Landschaften aus Klang

„Soundscaping“ – das bezeichnet zunächst die Dokumentation von Naturlauten. Mit dieser Methode lassen sich erstaunliche Erkenntnisse über die Biodiversität eines Lebensraumes gewinnen, die über das bloße Auge weit hinaus gehen. Einer der Väter dieser akustischen Annäherung an die Natur ist der amerikanische Musiker und Bioakustiker Bernie Krause (“The Doors”, Frank Zappa, “The Weavers”), geboren 1938 in Detroit. Als Krause um 1975 Tonaufnahmen in der Natur macht, um sie in seine Kompositionen einfließen zu lassen, entdeckt er „das große Orchester der Tiere“ – und findet sein Lebensthema.
Er studiert Bioakustik und promoviert mit einer vergleichenden Arbeit über die Stimmen von Schwertwalen in Gefangenschaft und freier Wildbahn. Auf weltweiten Reisen sammelt er in Habitaten, also Naturlebensräumen, über 15.000 sogenannte Field Recordings von Tier- und Naturlauten.

Verstummende Natur

Auch die Geräusche menschlichen Ursprungs bilden sich dort ab: Verkehr oder Fluglärm nehmen Einfluss auf die Lautäußerungen der Natur. Daraus ergeben sich so genannte Soundscapes, eine Art Landschafts-Klangbilder. Krause verarbeitet die Töne gemeinsam mit deren grafischer Darstellung zu ganz neuen Naturdarstellungen.
Er schließt aus der Gesamtheit von Lauten auf den Zustand der jeweiligen Habitat und kann aus den Veränderungen des Klangbilds über die Zeit Rückschlüsse über die Diversitätsentwicklung ziehen.
Vielerorts lassen die Aufnahmenwiederholungen einen drastischen Verlust an Artenvielfalt erkennen: Mit dem Vordringen der Zivilisation verstummen die Naturklänge mehr und mehr.

Bernie Krause Earthday Event 22. April 2020

Ein Interview von Prof. Dr. Michael J. Gorman – Gründungsdirektor BIOTOPIA – Naturkundemuseum München

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Bernie Krauses Lebenswerk, das “Great Animal Orchestra” macht auf ganz unmittelbare und sinnlich erfahrbare Weise deutlich, welche Schätze hier auf dem Spiel stehen. Heute hat er es sich zur wichtigsten Aufgabe gemacht, mit seiner Arbeit auf dieses durch Menschen verursachte Verschwinden von Artenvielfalt aufmerksam zu machen.
Um seinem Appell noch mehr Deutlichkeit zu verleihen, sucht er heute über die Zusammenarbeit mit Bio-Akustikern in aller Welt hinaus den Kontakt zur Kunst. „Über die Kunst können wir unsere Botschaft einem breiten Publikum zugänglich machen.“

Citizen Science and Arts – Wo Mensch, Natur und Kunst sich treffen

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